Die, die immer dazwischen stehen

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Russia Christian news – German version, May 2013

Moldawien zwischen Ost und West, zwischen Vergangenheit und Zukunft

 

Dr.phil. William Yoder Smolensk, den 14. Juni 2013

 

M o s k a u – An den 25. Mai 2012 erinnern sich die Protestanten in dem winzigen Moldawien (bzw. Moldau). An jenem Tage fiel den Parlamentsabgeordneten die Aufgabe zu, darüber zu entscheiden, ob das Land seinen Weg Richtung Integration in die Europäische Union fortsetzt. Begleitet von einem beachtlichen Druck seitens der EG, stimmten die Delegierten dann 53-48 für ein "Gesetz über die Chancengleichheit von Frauen und Männern". Dieses Gesetz enthält Abschnitte, die die Rechte von sexuellen Minderheiten beschützen. Nur zwei Delegierte aus der Regierungsallianz scherten aus und entschieden sich, sich unpragmatisch zu verhalten. Einer von ihnen war Valeriu Ghiletchi, einem Mitglied der Liberal Demokratischen Partei (der zweitgrößten Partei des Landes) und Präsidenten der Baptistischen Union bis 2009. Vor der Abstimmung hatten Vertreter der EU zu verstehen gegeben, daß die Abschaffung der Visapflicht für moldawische Bürger nur in Aussicht stünde im Falle einer Verabschiedung dieses Gesetzes. (Weder Moldawien noch die Ukraine verlangen Visa von westlichen Staatsbürgern, die sich kurzfristig im Lande aufhalten. Die Visa-Mauer besteht ausschließlich für Ostbürger, die sich in Richtung Westen begeben wollen.)

Konservative Kreise reagierten mit Verbitterung: Der Westen hätte die ökonomische Not der Moldawier ausgenutzt, um ihnen ein fremdartiges Programm aufzunötigen. In einem Gespräch mit Journalisten versicherte Vasile Filat, der wortgewaltige Pastor der baptistischen "Gemeinde der Guten Nachricht" in der Hauptstadt Kischinau (bzw. Chisinau): "Im Wahlkampf (von 2010) hatten die Politiker hochheilig versprochen, diese Gesetzgebung über homosexuelle Praktiken nicht zu verabschieden. Aber sie haben ihr Wort gebrochen. Die Annahme dieses Gesetzes war ein Verbrechen."

Das liberale Programm eines moralisch zerrütteten Westens, das gleichzeitig als ökonomischer Heilsbringer gilt, ist ein Dorn im Fleische der Westintegration Moldawiens. Ein zweiter Dorn betrifft die prorussische Enklave von Transnistrien, ein langgezogener, schlanker De-facto-Staat entlang des Flusses Dnister, der 15% der Bevölkerung und 12% des Landgebietes umfaßt. (Die Gesamtbevölkerung beträgt 3,56 Mill., rund 550.000 von ihnen leben in Transnistrien.) Beobachter reden von einem "eingefrorenen" langfristigen, geostrategischen Konflikt, denn in Transnistrien sind 1.200 russische Soldaten stationiert. Sie können Moldawien daran hindern – wie ebenfalls im Falle Georgiens – ein vollberechtigtes Mitglied der EU zu werden.

Eingequetscht zwischen Rumänien im Westen und dem ukrainisch-russischen Monolith im Osten, befindet sich Moldawien eindeutig zwischen den Fronten. Das Land und seine Kirchen sind ebenfalls eingezwängt zwischen einer osteuropäischen Vergangenheit und einer höchstwahrscheinlich westeuropäischen Zukunft.

Jim Overton, ein in Moskau ansässiger Kalifornier, der gerade vier Jahre in Moldawien verbracht hat, bestätigt, daß Moldawien ein hervorragender Ort sei für Ausländer, die ihrer sprachlichen Fähigkeiten unsicher sind. "Da Russisch für die meisten als Zweitsprache gilt, bringen sie den grammatikalischen Fehlern eines ausländischen Missionars großes Verständnis entgegen." In Moldawien wird das Rumänische mit lateinischen Buchstaben geschrieben, doch in Transnistrien behauptet sich weiterhin das Kyrillische. Einundsiebzig Prozent der Bevölkerung soll das Moldawische bevorzugen – was eigentlich Rumänisch ist. Doch große russisch-, ukrainisch- und gagausisch-sprechende Minderheiten bestehen. Seine Bewohner verfügen manchmal über nicht weniger als vier Staatsbürgerschaften: moldawisch, rumänisch, ukrainisch und russisch. Der transnistrische Paß wird von nahezu keinem Staat anerkannt. Wie ebenfalls in Rumänien ist die vorherrschende Religion östlich (orthodox), doch die Sprache ist westlich. Overton berichtet vom schwarzen Humor seiner moldawischen Freunde, die behaupten, ihr Land sei das einzige in Europa ohne den Willen zur Selbstbehauptung. Viele zögen es vor, von Rumänien oder Rußland übernommen zu werden.

Doch als eine pro-rumänische Gruppe bemüht war, sich Rumänien anzunähern bzw. anzuschließen, entbrannte im März 1992 ein sechsmonatiger Krieg mit der ethnisch-russischen Minderheit in Transnistrien. Moldawien war ein Teil Rumäniens von 1918 bis 1940.

Erfolgreiches Wachstum

Im Wachstumswettbewerb der evangelikalen Bewegung könnte Moldawien durchaus an zweiter Stelle durchs Ziel kommen. Im Laufe der vergangenen 23 Jahre ist die Zahl der Protestanten in der Mongolei von etwa vier auf 50.000 hochgeschnellt. Im Jahre 1991 gab es im Gebiet Moldawiens 11.000 Baptisten in 130 Ortsgemeinden. Die gegenwärtige Zahl wird mit bis zu 21.000 angegeben; die offizielle Zahl für das Jahr 2012 beträgt 19.562 Mitglieder in 482 Gemeinden. Fünfundzwanzig dieser Gemeinden benutzen zumindest teilweise Gagausisch - die Sprache eines türkischen Volkes im Süden des Landes. Overton berichtet, daß Wachstum unter den türkischen Völkern recht selten sei – dennoch gehören die gagausisch-sprechenden Gemeinden zum schnellst wachsenden Teil des moldawischen Baptismus.

Moldawische Baptisten haben ein offenes Ohr für die unruhigen, muslimischen Republiken Zentralasiens und entsenden Missionsmannschaften dorthin. Jährlich verbringen zwischen 45 und 50 Pastoren aus Zentralasien Studienaufenthalte im "Kischinauer College für Theologie und Pädagogik". Andere Mannschaften stoßen sogar bis Nordsibirien vor.

Der Missionsspezialist Overton behauptet, daß die meisten Gemeindegründungen in Rußland der Arbeit von Missionaren aus der Ukraine und Moldawien zu verdanken seien. "Wenn sich eine russische Gemeinde Tochtergemeinden wünscht, ist es üblich, sich einen Auswärtigen zu holen und ihm die Aufgabe aufzutragen." Obwohl die russische Union der Baptisten mit ihren rund 74.000 Mitgliedern viel größer sei, behauptet Overton: "Ich habe noch nie von einer russischen Missionsmannschaft gehört, die nach Moldawien gefahren wäre. Das Vorbild der Moldawier ist bewundernswert." Eine einzige Ortsgemeinde soll in den letzten Jahren 38 Mitarbeiter nach Rußland entsandt haben. Es wird gegenwärtig darüber beraten, ob sich Moldawier mit rumänischen Pässen oder Visen an missionarischen Vorhaben dort beteiligen sollten.

Trotz materieller Not glaubt Overton, daß Moldawier einen größeren Prozentsatz ihrer Spenden der Sache der Mission widmen. "Während der Ferien im vergangenen Januar haben die moldawischen Baptisten sieben Missionsmannschaften allein nach Rußland und Abchasien entsandt. Alle Transportkosten haben die Moldawier selbst auf sich genommen. Unionen in den Nachbarstaaten entsenden auch gerne Missionare nach Zentralasien, doch sie erwarten, daß der Westen für die Kosten aufkommt."

Die Jugend ist durchaus mit von der Partie in Moldawien. Die "Schule ohne Wände", ein erfolgreiches Bildungsprogramm, das von der in Chicago beheimateten "Peter Deyneka Russian Ministries" getragen wird, richtet sich vor allem an Jugendliche. Nicht wenige Jugendprogramme bieten Taekwondo, einen in Südkorea entwickelten Kampfsport, an.

Der relative Erfolg der moldawischen Baptisten ließe sich vor allem auf ihren Einheitswillen zurückführen. Nach Overton hätten die zwischen die Fronten geratenen Moldawier allerlei Gründe, Risse aufzuweisen. Nur rund 60% der Baptistengemeinden z.B. führen ihre Gottesdienste in Rumänisch durch. Dennoch legten sie eine größere Einheit an den Tag als die benachbarten Unionen. "Die Moldawier verfügen über das, was die Rumänier nicht aufbringen: ein tiefes Empfinden für das Einigende." Die Baptisten im selbständigen Transnistrien bilden eben eine der neun Regionen innerhalb der moldawischen Union.

Es wird berichtet, ein Drittel aller Baptisten hätten in den vergangenen 20 Jahren Moldawien für immer den Rücken gekehrt. Eine Quelle behauptet sogar, 15.000 Baptisten seien ausgewandert. Oleg Turlac, Theologiedozent am College für Theologie und Pädagogik, gibt an, daß 1.000 Mitglieder und fünf Pastoren aus der großen Bethel-Gemeinde in der Hauptstadt das Weite gesucht hätten. Wenn man diese Zahlen den 19.000+ hinzufügt, die weiterhin in Moldawien wohnen, kommt man auf eindeutig phänomenale Wachstumsraten.

Das fruchtbare und warme Moldawien, das einst zu den wohlhabendsten Gegenden der UdSSR zählte, wetteifert heute mit Albanien um den Titel des ärmsten der Armenhäuser Europas. Moldawien ist für den Verkauf von Organen für Transplantationen und sein – primär weibliches – Trafficking berüchtigt. Dutzende von Tausenden sollen bereits Opfer dieser modernen Sklaverei geworden seien. Die Hälfte aller Erwachsenen, die weiterhin in Moldawien gemeldet sind, sollen anderswo in Europa oder Asien – meistens illegal - ihren Lebensunterhalt zu verdienen versuchen. Rund 30% der Kinder sollen Sozialwaise sein, weil sie gezwungen sind, ohne Väter oder Eltern auszukommen. Die geläufigen Einnahmequellen sollen nur 30% der erforderlichen Ausgaben decken; Ackerbau auf Kleinstparzellen soll für den Rest sorgen.

In Kischinau haben Wladimir und Julia Ubeiwolk eine erfolgreiche Arbeit für Sozialschwache und die Opfer des Trafficking aufgebaut: "Anfang des Lebens". Viele ihrer Dienste sind prophylaktisch und bestehen u.a. darin, bei Schulbesuchen Kinder vor den auf sie zukommenden Gefahren zu warnen.

Ein weiteres, diakonisches Projekt kommt nur äußerst selten in Osteuropa vor: ein baptistisches Seniorenheim. "Tabitha-Haus" befindet sich in dem Dorf Iabloana nahe Balti (oder Beltz) im Norden Moldawiens und verfügt über 13 Mitarbeiter und 40 Plätze für Bewohner.

Wachstumshindernisse

Vielleicht noch erstaunlicher als ein Wachstum trotz Auswanderung ist Wachstum trotz einer nahezu undurchdringlichen Tradition. Moldawien Missionare konnten 1990 mit einer Tabula rasa anfangen; dagegen mußten sich die Moldawier mit einer jahrhundertalten Tradition auseinandersetzen. Oleg Turlac schrieb in einem 2004 verfaßten Artikel unter der Überschrift "Der Kampf zur Überwindung von Burgmentalität und Emigration": "Staatliche Verbote, die in den 60er Jahren eingeführt worden sind, gingen ins Mark vieler Gemeinden über und wurden letztlich für Befehle Gottes gehalten. Doch die Kirche hat den Auftrag, mehr zu sein als ein Klub für einst verfolgte Christen. Viele Christen widersetzten sich Änderungen und erwiderten: ‚Wenn die Menschen (wirklich) das Heil wollen, dann werden sich auch ohne Einladung den Weg in unsere Kirchen finden.'"

Die nordamerikanische "Entrust Moldova"-Initiative behauptete, daß "die Gesetzlichkeit, die in die meisten evangelikalen Gemeinden zu Zeiten des Kommunismus einzog, weiterhin das Denken der meisten Mitglieder bestimmt. Unausgebildete Laienpastoren höhnen oft über Aufforderungen, sich einem Bildungsprogramm anzuschließen."

Manche Lösungen für höchst komplizierte Realitäten bleiben beim Traditionellen stehen. In einer Stellungnahme zur Homosexualität im Mai 2013 protestierte Vasile Filat gegen Antidiskriminierungslehrpläne in den Schulen. Er begab sich weit außerhalb des Konsensus der medizinischen Fachwelt als er behauptete, die Homosexualität sei eine dem Drogenmißbrauch ähnliche, angelernte Abhängigkeit. "Wie jede Abhängigkeit ist auch sie eine angelernte. Einmal innerlich akzeptiert, wird sie aus Neugier ausprobiert, und schließlich ist man von ihr geknechtet." Die Homosexualität lasse sich immer beheben: "Falls Sie Gays kennen, ist es wichtig, ihnen immer wieder zu verdeutlichen, daß eine Hoffnung auf die Erlösung von dieser Abhängigkeit besteht." Abschließend versicherte er: "Mit ihren öffentlichen Kundgebungen versuchen Gays Gewalt zu provozieren."

Die politischen Bemühungen der Evangelikalen umfassen den Kampf gegen die Anerkennung sexueller Minderheiten sowie gegen das Unterrichten von Evolution in Schulen. Evangelisch-orthodoxe Beziehungen sind sehr schwach im Lande, doch im Kampf gegen die Homosexualität und für Familienwerte entsteht eine Einigung mit orthodoxen Kreisen. Ein Aufsatz vom 19. Mai 2013, der Filat zitierte, trug den Titel: "Moldawische Orthodoxe und Baptisten sind gegen die Duldung einer Schwulenparade aufgetreten".

Ähnlich wie in der Ukraine verfügt Moldawien über nicht weniger als fünf konkurrierende orthodoxe Denominationen. Die beiden größten sind die "Moldauisch-Orthodoxe Kirche", die dem Moskauer Patriarchat untersteht, und die mit Rumänien verbündete "Orthodoxe Kirche (oder "Metropolis") Bessarabiens". Das stärkt den Pluralismus im Lande und schafft ein höheres Maß an Glaubensfreiheit für Protestanten. Die in Texas beheimatete "International Teaching Ministry" (ITM) berichtet aus Moldawien: "Da wir in einer östlich-orthodoxen Umgebung leben, leben wir auf Feindesgebiet." Doch das ist nicht die offizielle Stellungnahme einer protestantischen Kirchenführung.

Eins der eher exotischen Beispiele westlichen Engagements betrifft Paul Hamilton, einen Missionar der Independent Baptists aus dem Bundesstaat Ohio. Im Jahre 2011 schrieb er, er habe "seit 14 Jahren dort dem Herrn treu gedient und die King-James-Bibel gepredigt". Er fuhr fort: "Wir möchten durch unseren Literaturdienst die King-James-Bibel in rumänischer und russischer Sprache herauszugeben." Würde ein solches Unterfangen bedeuten, daß man den 1611-erschienenen King-James-Text direkt in eine antiquierte Form des Russischen überträgt? Auf Anfragen ging seine Mission leider nicht ein.

Anerkannte, ehrwürdige US-Denominationen haben sich ebenfalls in Moldawien engagiert. Die große "Nationale Presbyterianische Kirche" in der US-Hauptstadt Washington gehört der "Presbyterian Church USA" an. Seit zwei Jahrzehnten unterstützt sie die "Baptistengemeinde Bethanien" in Balti sowie das College für Theologie und Pädagogik in Kischinau. Einer der Gründer dieses Colleges ist Valeriu Ghiletchi.

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