Richtlinien für das kirchliche Gespräch zwischen Rußland und der Ukraine

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Eine US-amerikanische Sicht aus Moskau

Dr.phil. William Yoder

 

M o s k a u -- 1. Wir sind aufgerufen, auf drastische, überzogene und unhistorische Aussagen zu verzichten. Der Baptist Alexander Turtschinow ist nicht Martin Luther King, und Wiktor Janukowitsch ist kein Hitler. Bedenklich sind die faschistischen Elemente innerhalb der gegenwärtigen ukrainischen Regierung, aber es gibt auch extremistische Strömungen der Kosaken im Raum Donbass. Doch Poroschenko ist kein Hitler und Putin ist kein Stalin. Die politische Notlage, von der Dietrich Bonhoeffer im Zweiten Weltkrieg sprach (die Notwendigkeit des Tyrannenmords), ist in der jüngsten ukrainischen und russischen Geschichte nicht vorgekommen.

Wir werden darauf verzichten, die Verfechter der anderen Seite mit üblen Bezeichnungen zu geißeln: Die Soldaten der Ostukraine sind im Allgemeinen keine "Terroristen", und jene vom Westen her sind im Allgemeinen keine "Faschisten".

Die Beteuerung, wir werden für unser Land "bis zum Ende" ("do konza") einstehen, ist eine leere Phrase. Wo befindet sich dieses "Ende"? Keiner von uns will die Erde in einen Aschehaufen verwandeln – das wäre das logische, ultimative "Ende".

2. Die Ansichten der Andersdenkenden werden als legitim akzeptiert. Er/sie ist nicht bezahlt, erkauft oder eingeschüchtert. Sie glauben wirklich an das, was sie vertreten. Wir werden uns hüten, der Gegenseite üble Motive zu unterstellen. Wir können ihnen nicht ins Herz schauen – das kann eigentlich nur Gott. Oftmals verstehen wir nicht einmal die Ursachen der Ansichten, die wir selber vertreten.

Wir werden uns Mühe geben, die Logik der anderen Seite zu begreifen. Wie wirken sich meine Aussagen auf die Gläubigen aus, die sich auf der anderen Seite der Barrikaden befinden? Die politischen Meinungsäußerungen von Kirchenvertretern können ernsthafte Folgen für die "Glaubensgeschwister" auf der anderen Seite haben.

3. Prowestliche, ukrainische Protestanten haben ihre Positionen mit dem Hinweis begründet, daß sie sich "mit ihrem Volk" solidarisieren müssen. In welcher Weise ist eine solche Aussage von Belang? Will man damit sagen, daß die russische Kirche nicht "mit ihrem Volk" sein darf?

Die Gläubigen der Ukraine sind aufgerufen, loyale, gesetzestreue und ehrenwerte Bürger zu sein. Sie sollen dem Staat ihre positiven Absichten und ihren Wunsch, im Sinne des Gemeinwohls zu wirken, unter Beweis stellen. Das Gleiche gilt in Rußland – das sollten beide Seiten anerkennen. Man kann nicht erwarten, daß russische Bürger für die Sache der Kiewer Regierung eintreten – oder umgekehrt.

Russen werden im Allgemeinen die eigene Regierung nicht als Aggressor geißeln und den Umsturz auf dem Maidan nicht gutheißen. Und sie werden sich nicht aus Angst so verhalten, sondern weil sie keine überzeugenden Indizien dafür sehen, daß Rußland der einzige Aggressor sei.

Gleichzeitig müssen Russen erkennen, daß die Mehrheit der Ukrainer für einen prowestlichen Kurs votiert hat, der eine Trennung von Rußland in Kauf nimmt. Russen können nicht erwarten, daß die Gläubigen in der Ukraine den Westen verurteilen. Solche Entscheidungen müssen die Ukrainer selbst treffen.

4. Eine völlig unpolitische Kirche ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das wollten die Protestanten der UdSSR sein, doch der Staat hat ihnen immer wieder politische Stellungnahmen abgenötigt. Eine politisch abstinente Kirche kann nur als Sekte am äußersten Rande der Gesellschaft überleben. Der reformierte, deutsche Bundespräsident Gustav Heinemann (1899-1976) wies auf einen besseren Weg hin: "Möglichst vielfältig hinein in die Politik!" (abgesehen von den extremistischen Flügeln). In der politischen Vielfalt liegt der Schutz der Kirche. So läßt sich die politische Unabhängigkeit der Kirche am besten belegen.

5. Die Kirchen weisen auf die allgemeine Richtung hin – die Details überläßt sie den einzelnen Bürgern. Kirchen treten für den Frieden und die Liebe zu allen Hautfarben, Ethnizitäten und Kulturen ein. Sie streiten für Familienwerte und die Glaubensfreiheit. In welchem Maß sind die USA oder Rußland am gegenwärtigen Krieg in der Ostukraine schuldig? Die Christen dürfen und sollten ihre Meinungen äußern - und dabei unterstreichen, daß sie nicht im Namen ihrer Kirche sprechen. Die Krim ist im Wesentlichen eine Detailfrage. Die Kirchen sollten sich nicht so oder so positionieren – das dürfen deren Glieder aber durchaus. Die Kirchen reden anders als Individuen.

6. Die Politik besteht aus einer endlosen Kette von Reaktionen. Welche Ursache hat die gegenwärtige Auseinandersetzung in der Ukraine? Läßt sie sich auf die Übernahme der Krim 2014, den Maidan 2013 oder die hitzigen Diskussionen über den "Holodomor" (die Hungersnot) zurückführen? Oder geht es eher auf Stepan Bandera in den Vierziger Jahren oder den Bürgerkrieg in den Zwanzigern zurück? Die Feststellung einseitiger Schuld ist problematisch.

7. Der emeritierte, 92-jährige Politiker Egon Bahr wies kürzlich darauf hin, daß die Staaten selten von edlen Idealen bestimmt seien - sie seien stattdessen von Eigeninteresse getrieben. "In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten." Christen dürfen auf dem Teppich bleiben; die revolutionäre Leidenschaft hat ihre Tücken.

Übrigens - Oslo

Ein offizielles Gespräch zwischen Vertretern der protestantischen Kirchen der Ukraine und Rußlands ist für den 9. September in Oslo vorgesehen. Im Gegensatz zum ersten, eigentlich erfolglosen Versuch in Jerusalem am 10. April wird die baptistische Union Rußlands dieses Mal (vertreten durch Witali Wlasenko) mit von der Partie sein. Organisator der Begegnung auf russischer Seite ist der Moskauer "Konsultativrat der Leiter der protestantischen Kirchen Rußlands".

 

Smolensk, den 2. September 2014


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