Wären wir vollkommen, hätte es keinen Krieg gegeben

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Auf Besuch in der Ukraine

Dr.phil. William Yoder

 

S m o l e n s k -- Noch ist die Infrastruktur der Ukraine angeknackst. Ein Witz lautet, es seien nur die betrunkenen Autofahrer, die geradeaus fahren. Die Wirtschaft liegt darnieder. Viele sind ohne Arbeit – sogar Mediziner nahe der Front. Doch ein westliches Flair schimmert durch. Tätowierungen und Ohrschmuck für Männer sind eindeutig im Kommen; im Straßenbild sind die Zeugen Jehovas auffallend präsent. Letzteres gefällt mir durchaus: Ich bin für die Glaubensfreiheit, wenngleich ich die Theologie dieser Gemeinschaft für schädlich erachte. Doch viele jüngere Frauen kleiden sich noch sehr weiblich (also russisch); der westliche Schlabberlook muß sich noch durchsetzen.

In meinen Gesprächen mit Protestanten in der vergangenen Woche fielen mir folgende Haltungen und Meinungen immer wieder auf:

1. Man sehnt sich nach einer wohlhabenden, geordneten, transparenten, korruptionsfreien Gesellschaft. Man will wie die Menschen in Dänemark leben, und man sieht nicht ein, daß die Russen einen davon abhalten dürften. Die völlige Isolierung von Rußland nimmt man dafür in Kauf – sie sei sogar eine Voraussetzung für das Erreichen dieses Zieles.

2. Rußland ist der Aggressor. Dafür gibt es eine einfache und plastische Erläuterung: "Die Russen" stehen auf dem Gebiet eines fremden, souveränen Staates – nicht umgekehrt.

Das Übel wird personifiziert – es heißt Wladimir Putin. Manche behaupten sogar, Putin sei verwerflicher als Hitler. In Facebook nannte Gennadi Mochnenko, Pastor der charismatischen "Kirche der positiven Veränderungen" in Mariupol, Putin einen "Wahnsinnigen". Frisch zurückgekehrt von einer Rad-Welttour durch den russischen Fernost, machten sich er und viele seiner 32 Söhne an die Arbeit, die Befestigungen um ihre Küstenstadt zu verstärken. (Mochnenko führt die Bewegung zur Entleerung von Kinderheimen durch Adoption an. Siehe unsere Meldung vom 15. Juni 2011). Filaret, der etwas zwielichtige Patriarch der "Ukrainischen Orthodoxen Kirche – Kiewer Patriarch", meinte kürzlich, der russische Präsident sei ein Lügner und Kain, der "unter dem Einfluß Satans" stehe.

3. Ostukrainer und prorussische Ukrainer gibt es nicht. Der rußlandfreundliche Wiktor Janukowitsch mag bei den Stichwahlen am 7. Februar 2010 49% der Stimmen erhalten haben, doch diese Wahlen seien eine einzige Fälschung gewesen. "Die Ukrainer sind sich heute so einig wie noch nie," hört man immer wieder.

Ein hoher Vertreter des baptistischen Bundes aus Lugansk versicherte mir, Aufständige (Opoltschenzi) gäbe es gar nicht. Das seien vielmehr Ansammlungen von Kriminellen und Angereisten aus Rußland. Darum handele es sich nicht um einen Bürgerkrieg, sondern um einen Krieg Rußlands gegen das ukrainische Volk. (Das ist eine Hauptthese im Lande.)

Auf dem restaurierten Maidan verbleibt ein improvisiertes Denkmal mit Bildern von 46 Getöteten. Doch umgekommen sind mindestens 75.

4. Nach protestantischer Überzeugung gibt es keine faschistische Gefährdung des Landes. Wessis und Russen, die das anders sehen, seien der russischen Propaganda auf den Leim gegangen. "Prawi Sektor" bekam bei den jüngsten Wahlen kaum mehr als 1% der Stimmen, heißt es; die an der Regierung beteiligte "Swoboda" sei keine faschistische Partei. Gegen Ihor Kolomojski – den Oligarchen, Warlord und Gouverneur des Gebietes Dnipropetrowsk – hat man nichts. Kolomojski war im vergangenen März von dem baptistischen Präsidenten Oleksandr Turtschynow in sein politisches Amt gehievt worden; Kolomojski selbst ist Jude.

5. Bei Protestanten besteht wenig Raum für graue Halbwahrheiten. Im politischen Raum wird entweder gelogen oder auch nicht. Die (west)ukrainischen Medien berichten wahrheitsgetreu, heißt es. Gott hasse die Lüge, und die verbreiten die russischen Medien. Das Budapester Memorandum von Dezember 1994 wird häufig als Beispiel ins Feld geführt. Darin hatte sich die Ukraine bereit erklärt, ihr Arsenal an Nuklearwaffen abzugeben. Im Gegenzug hatten sich Großbritannien, die USA und Rußland verpflichtet, die Souveränität der Ukraine innerhalb bestehender Grenzen zu gewährleisten. Dagegen habe Rußland nun eindeutig verstoßen bzw. gelogen.

6. Die sicherheitspolitischen Interessen Rußlands werden ausgeblendet. Ein ausländischer Mennonit versicherte, Rußland habe nichts gegen ein Vorrücken der NATO, schließlich habe man 2004 die Einkreisung der Enklave Kaliningrad durch die NATO stillschweigend in Kauf genommen.

7. Die gastfreundlichen Mennonitengemeinden im Raum Saporosche – Mennoniten werden manchmal für Pazifisten gehalten - sind kaum friedevoller als andere. Die Facebook-Seite des "Mennonite Centre Ukraine" wimmelt vor ukrainischen Fahnen, und sogar ein ukrainischer Panzertransporter wird dort freundlich begrüßt. Unweit der Kriegshandlungen kann man gut verstehen, daß man die eigene Bleibe und Existenz nicht zerstört haben will – dafür sollen die Panzer sorgen.

Der fairste, politisch unabhängigste Gesprächspartner, auf den ich in der Ukraine stieß, war eine Journalistin des charismatischen Nachrichtendienstes "Invictory" in Kiew.

8. Die durch ukrainische Streitkräfte rückeroberte Stadt Slawjansk verkörpert viele Hoffnungen der Ukrainer. Die große charismatische Gemeinde von Peter Dudnyk, die "Gemeinde der Guten Nachricht", leistet eine großartige humanitäre Hilfe. (Deren Facebook-Seite ist teils auf Englisch.)

Die allgemeine Not hat die christlichen Kirchen der Ukraine stark zusammengeschweißt – ein totales Unikum in Osteuropa. Draußen bleibt höchstens die größte Kirche des Landes: die "Ukrainische Orthodoxe Kirche – Moskauer Patriarchat".

 

Kommentar – Was es noch zu bedenken gibt

1. Zu den vermeintlich gefälschten Wahlen und Stichwahlen von Januar und Februar 2010, aus denen Janukowitsch als Sieger hervorging, schreibt die deutsche "Wikipedia": "Die Ergebnisse entsprachen allen unabhängigen Exit-Polls, die vor der Stimmenauszählung durchgeführt wurden. Auch die Wahlbeobachter der OSZE . . . bewerteten die Präsidentschaftswahl als den internationalen Standards entsprechend." Damals hat der Westen diese Wahlergebnisse voll akzeptiert.

2. Das genannte Budapester Memorandum von 1994 muß im Kontext gesehen werden. Schon 1990 war Michail Gorbatschow versprochen worden, die NATO würde sich keinen Fußbreit nach Osten ausdehnen. Im Jahre 1999 nahm die NATO Polen, Tschechien und Ungarn auf. Fünf Jahre später erfolgte die Einkreisung Kaliningrads durch die Aufnahme der baltischen Staaten.

Protestantische Propheten versichern, Rußland sei dabei, sich die Ukraine, die baltischen Staaten und Kasachstan einzuverleiben mit dem Zweck, die alte Sowjetunion wiederherzustellen. Rußland ist in der Tat mehrere Dutzend Kilometer nach Westen vorgeprescht und hat die Schaffung von international nicht anerkannten Ministaaten ("Schurkenstaaten") in Armenien, Moldawien und Georgien u.a. begünstigt. Das gleiche Schicksal steht wohl auch Teilen der Ostukraine bevor. Doch richtig ausgeweitet hat sich nur die NATO. Bei den mündlichen Versprechungen von 1990 stand die NATO knapp östlich von Hamburg – heute steht sie kurz vor Sankt Petersburg. Deshalb fällt es schwer, von einer einseitigen, russischen "Aggression" zu sprechen. Auf die Einkreisung Kaliningrads haben die Russen nun doch reagiert – sie haben sich dabei nur etwas Zeit gelassen. Will Putin nun Rußland mächtig ausdehnen – oder will er nur den freien Fall aufhalten?

Im Jahr 1998 warnte der berühmte US-Diplomat George Kennan (1904-2005), die Ausweitung der NATO gen Osten sei "der Anfang eines neuen Kalten Krieges. Ich denke, die Russen werden mit immer größerer Heftigkeit aufbegehren. Ich halte (unser Vorgehen) für einen tragischen Fehler." Es heißt ferner in dem Aufsatz von Katrina vanden Heuvel, der am 9.9. in der "Washington Post" erschien, die jetzigen Entwicklungen seien "stets vorhersehbar und vermeidbar" gewesen. Die Ukraine zu einem exklusiven Arrangement mit der EU zu zwingen, werde "tiefe, historische Aufspaltungen innerhalb des Landes hervorrufen".

Das plötzliche Plattmachen aller ukrainischen Einheiten im Raum Ilowaisk ab dem 28. August machte zum ersten Mal richtig deutlich, daß Rußland auf seine Interessen in diesem Gebiet nicht verzichten wird. Ob es einem gefällt oder nicht: Rußlands Anwesenheit im Grenzgebiet ist wohl von Dauer.

Gleichzeitig schrieb der US-Amerikaner Mark Sleboda, ein politischer Kommentator für das "Russia Today"- Fernsehen in Moskau, am 5. September, Rußland habe schon vor Jahren die Ukraine an den Westen verloren. Rußland befinde sich in einem Nachhutgefecht; sein Einfluß werde sich auf einige wenige Landstriche beschränken, "die noch am russischsten denken und sich am ehesten dem US-Einfluß widersetzen."

3. Ukrainische Protestanten versichern, daß sie die Demokratie ersehnen. Doch ist das Volk dafür bereit? Sie fällt nicht vom Himmel und schwappt nicht vom Westen herüber. Solange in der Staatsduma mit Fäusten gekämpft wird und man große Oppositionsparteien – etwa die Partei der Regionen und die Kommunisten – juristisch zu verbieten versucht, kann ein Verständnis für Demokratie nicht wachsen. Der demokratische Kompromiß kann nur gewagt und erlernt werden. Die Demokratie ist kein absoluter Endzustand – nur Ziel. Sie wird auch immer wieder durch Machtblöcke – siehe Wall Street – gefährdet.

4. Die russischen Glaubensgeschwister versteht man in der Ukraine nicht. Man denkt, sie seien von der Propaganda vernebelt und ihrer Staatsmacht voll ergeben. Russen haben in der Tat große Angst vor Besuchen in der Ukraine. Im grenzüberschreitenden Zugverkehr zwischen Belarus und der Ukraine stieß ich fast nur auf Ukrainer.

In Irpen bei Kiew besuchte ich Michail Tscherenkow, einen leitenden Mitarbeiter der vehement pro-ukrainischen "Peter Deyneka Russian Ministries". (Eigentlich braucht die Mission einen neuen Namen.) Tscherenkow hat mich freundlich und zuvorkommend empfangen; so würde er sich gewiß auch gegenüber anderen Gästen "aus dem Osten" verhalten. "Wir laden die Russen immer wieder zu unseren Konferenzen ein," versicherte er. "Ich möchte niemanden als Feind ansehen."

Mir gefiel das Eingeständnis einer hochgebildeten, jungen Baptistin in Kiew: "Auch wir machen Fehler, auch wir sind nicht vollkommen. Wenn wir das wären, hätte es keinen Krieg gegeben." Wohl nur der Austausch und der anstrengende Versuch, einander zu verstehen, könnten unserem Friedenszeugnis Glaubwürdigkeit verleihen.

Wer des Englischen mächtig ist, ist herzlich eingeladen, den angehängten Beitrag zu lesen. Sir Tony Brenton war von 2004 bis 2008 britischer Botschafter in Moskau.

 

Dr.phil. William Yoder

Smolensk, den 14. September 2014

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